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Helfende Hände e. V. – Unterstützung für Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen

Das Interview mit Nariman Zimpel vom Helfende Hände e. V.

Stellen Sie sich und Ihren Verein Helfende Hände Verein zur Förderung und Betreuung mehrfachbehinderter Kinder und Erwachsener e. V. in wenigen Sätzen einmal vor.

Helfende Hände VereineHelfende Hände ist ein Verein zur Förderung und Betreuung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit schwerer Mehrfachbehinderung. Wir gehen gemeinsam mit Handicap durchs Leben und haben es uns zur Aufgabe gemacht unsere Menschen mit erhöhtem Assistenzbedarf und deren Familien ein Leben lang fachkundig und auf gleicher Augenhöhe zu begleiten.

In unserer Förderschule und Heilpädagogischen Tagesstätte in der Köferinger Straße in Neuaubing werden 74 Kinder und Jugendliche im Alter von drei – 21 Jahren betreut und gefördert. Aktuell begleiten wir 84 Erwachsene in der Förderstätte, davon wohnen 54 Betreute in 9 Wohngruppen des Wohnheims in der Reichenaustraße /Bodenseestraße in Aubing.

Seit 2013 betreiben wir unser – in München einzigartiges – ‚Sternstunden Kurzzeitwohnen (SKW)‘. Durch großzügige Unterstützung von Sternstunden e. V. konnte das SKW errichtet werden und bietet professionelle Pflege und Betreuung in Wohlfühlatmosphäre für sechs Kurzzeitpflegegäste.

Wie bringen Sie sich aktiv in den Verein ein und wie kamen Sie zu dem Verein? 

André, der Erstgeborene meiner drei Söhne, hat eine schwere Mehrfachbehinderung und kam 1999 im Alter von 5 Jahren in die Schulvorbereitende Einrichtung (SVE) des Förderzentrums des Vereins Helfende Hände im Münchner Westen. Meine Familie erhielt durch Helfende Hände aktive Unterstützung, für die wir sehr dankbar waren und sind.

Deshalb wurde ich Mitglied im Verein. Ich engagierte mich ehrenamtlich im e. V. durch Öffentlichkeits- und Spendenprojekte, Mitwirkung im Elternbeirat, im Angehörigenbeirat und aktuell als Vorsitzende des Vorstandes des Vereins. Der Vorstand ist alleiniger Gesellschafter der im Jahr 2008 installierten Helfende Hände gGmbH.

Wie viele aktive Mitglieder hat Ihr Verein und wie kann man bei Ihnen Mitglied werden?

Aktuell hat der e. V. rund 417 Mitglieder. Wir empfinden jedes neue Mitglied als Bereicherung. Unser Verein ist auf Unterstützung, gute Kontakte und Netzwerke angewiesen. Um Mitglied zu werden finden Sie auf unserer Webseite folgenden Link: https://www.helfende-haende.org/mitglied-werden/

Wir freuen uns auf Sie!

Wie hat sich Ihr Verein seit der Gründung vor über 50 Jahren verändert? 

Wie fuktioniert der Helfende Hände Verein1969 gründeten Eltern den Verein, da sie keine adäquate Förderung und Unterbringung für ihre Kinder mit schwerer Mehrfachbehinderung fanden.

Der Verein setzte sich auf allen Ebenen für ‚Förderungswürdigkeit‘ und Schulpflicht für ‚alle‘ Kinder und Jugendlichen, also selbstredend auf für Menschen mit komplexem Assistenzbedarf, ein. Ebenso verhielt es sich im Erwachsenenbereich hinsichtlich der Umsetzung einer Förderstätte. Durch diese Pionierarbeit ehemaliger Vorstände und Freunde des Vereins konnten Förderzentrum und Förderstätte errichtet werden und somit entsprechende fachmännische Förderung und Betreuung der uns anvertrauten Menschen gewährleistet werden.

Der Vorstand des e. V. bediente ehrenamtlich die operativen Angelegenheiten der Organisation. Ständig wachsende Herausforderungen wie Neubauprojekte, gesetzliche Neuregelungen und Vorgaben sowie die zunehmende Anzahl von Betreuten und Mitarbeitenden, setzten im Jahr 2008 die Grundlagen der Entscheidung zur strukturellen Veränderung und Professionalisierung. Der Verein installierte eine gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung (gGmbH).

Helfende Hände erkannte bald die wachsende Anzahl an Förderschülern mit immer komplexer werdendem Assistenzbedarf bis hin zur Notwendigkeit medizinischen Behandlungsbedarfs (Krankenschwesterbegleitung). Auch in diesem Zusammenhang war Helfende Hände in eine Vorreiterrolle geraten und hatte Lösungswege zu finden, um Förderung und Pflege mit medizinischer Behandlungspflege zu kombinieren.

Diese Herausforderung setze sich im Erwachsenenbereich zunächst in der Förderstätte und aktuell im Wohnheim fort. Derzeit vorliegende Gesetzesentwürfe wie das Intensivpflege- und Rehabilitationsstärkungs Gesetz (erst RISG, jetzt IPReG) des Bundesgesundheitsministeriums gefährden unsere Bemühungen und Maßnahmen zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben für ‚alle‘ Menschen. Aufgrund des IPReG ist eine Aussonderung von bestimmten Personengruppen zu befürchten oder deren Teilhabe gefährdet!

Welche Pläne haben Sie für 2020? Und welche Veranstaltungen haben Sie mit Ihrem Verein geplant? 

Vorteile Helfende Hände Verein2020 wird sich unsere Organisation intensiv mit den Umsetzungen der Planungen zum Bau eines neuen Förderzentrums beschäftigen. Der Kinderbereich in der Köferingerstraße zieht in den Sommerferien in die Interimslösung in die Ruppert-Bodner -Staße in Aubing um. Im Herbst ist der Abriss des alten Schulgebäudes geplant. Der Neubau soll bis 2022 fertiggestellt sein.

Aktuell werden wir in unserem 40-Jahre altem Schulgebäude nur noch geduldet. Das Gebäude entspricht nicht mehr den aktuellen Vorgaben und gesetzlichen Bestimmungen. Deshalb müssen wir ein neues Schulgebäude bauen. Leider sind es auch bei der Umsetzung des Neubaus des Förderzentrums wieder die bürokratischen Hemmnisse, Systeme und teilweise nicht mehr nachvollziehbare Vorgaben, die uns die Umsetzung und Finanzierung des Projekts extrem erschweren.

Unser 50-jähriges Jubiläum werden wir einfach noch weiter feiern. Wir stecken schon in den Planungen zu unserem Sommerfestival im Juli an beiden Standorten von Helfende Hände und Ende Oktober 2020 wird es einen Galaabend geben.

Natürlich beschäftigt uns auch die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes, das ja seit Anfang 2020 in Kraft getreten ist.

Wer kann von Ihnen Unterstützung erhalten und wie? (z.B. wer ist in Ihren Einrichtungen, wie erhält dieser Unterstützung-> direkt bei Ihnen melden oder wo?)

Jede Familie mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit schwerer Mehrfachbehinderung im Einzugsgebiet München erhält prinzipiell Unterstützung. Nähere Informationen erhalten Sie in persönlichen Gesprächen mit unseren zuständigen Einrichtungsleitern. Die Kontaktdaten hierzu erhalten Sie auf unserer Homepage: https://www.helfende-haende.org/einrichtungen/

Auf welche Probleme und Herausforderungen treffen Sie während Ihrer Arbeit? 

Funktionsweise vom Helfende Hände VereinDer Fachkräftemangel im Verhältnis zur vorgegebenen Fachkraftquote machen uns das Leben nicht leicht.

Die allgemeine Stellung von sozialen Berufen in Deutschland, dessen Gesellschaft und Wirtschaft durch Leistungsorientierung geprägt ist, wirkt sich natürlich auch auf Helfende Hände aus. MitarbeiterInnen, die mit hohen Idealen in pflegerischen und sozialen Berufen tätig sind, können bedauerlicherweise für das überdurchschnittliche Maß an persönlichem Einsatz nicht entsprechend finanziell gewürdigt werden.

Vorschriften, Gesetze sowie festgefahrene Systeme lassen immer weniger Spielraum für Individualität und angemessene Problemlösungen. Das trifft auch auf Anliegen unserer Betreuten und ihrer Angehörigen zu. Schon einfache Situationen – wie beispielsweise Genehmigungen von Hilfsmitteln durch Krankenkassen – und gelebtes Verständnis für die enormen Schwierigkeiten, die mit schwerer Mehrfachbehinderung einhergehen, schaffen Barrieren.

Wir empfinden unser Umfeld als sehr offen und ausgesprochen hilfsbereit, insbesondere in der persönlichen Begegnung mit Nachbarn oder mit Bürgern. Unsere Ansprechpartner bei allen Institutionen begegnen uns mit großer Aufgeschlossenheit. Doch wir wünschen uns weniger bürokratische Hemmnisse und stattdessen mehr Freiräume und Möglichkeiten, damit die Menschen bei uns tatsächlich unkompliziert Individualität und Chancengleichheit erleben können.

Mit diesen Themen beschäftigen wir uns aktuell und in Zukunft. Denn nur wer zufrieden ist, kann Zufriedenheit leben und weitergeben. Doch wie ist es zu schaffen, Zufriedenheit zu ermöglichen, wenn finanzielle Probleme der MitarbeiterInnen und der Organisation die Realität zu einem schmalen Grad der Möglichkeiten schrumpfen lassen?

Es geht nur mit viel Energie und Berufung für das, was man tut. Die Angehörigen unserer Betreuten investieren enorme Energie und Liebe in das Leben ihrer Kinder und bewegen dadurch viel – auch für unseren Verein. Die MitarbeiterInnen arbeiten und leben gemeinsam mit den Betreuten und investieren nicht nur ihre Kraft und ihre Zeit, sie investieren Gefühle – das höchste Gut!

Diese positiven Gefühle und der moralische Anspruch, den jeder einzelne unserer MitarbeiterInnen an sich selbst stellt, sind ein tragender Teil von Helfende Hände. Ein weiterer Teil ist die außergewöhnliche Ausstrahlung und Präsenz unserer Betreuten sowie deren unvergleichliche Lebensfreude. Diese bestechende Authentizität der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen mit schweren Mehrfachbehinderungen bestimmt den „Geist“ von Helfende Hände. Dieser Geist gibt uns Stärke und dafür lohnt sich unser Tun.

Welche Unterstützung erhalten Sie von Staat und Gesellschaft? Und welche Unterstützung erhoffen Sie sich noch von dort? 

Interview mit Nariman Zimpel vom Helfende Hände e. V.Die Regierung Oberbayern finanziert den Bereich Förderschule innerhalb der dafür vorgesehenen Regularien. Hierbei finden unsere besonderen individuellen Bedürfnisse aufgrund der komplexen Behinderungen unserer Förderschüler nur begrenzt Aufmerksamkeit.

Die Tagessätze der Heilpädagogischen Tagesstätte (HPT), Förderstätte, des Wohnheims und des Kurzzeitwohnens werden mit dem Bezirk Oberbayern im Rahmen der Leistungsvereinbarungen und Entgeltvereinbarungen verhandelt. Notwendige neue Bedarfe, wie zum Beispiel IT-Spezialisten, Fundraising/Öffentlichkeitsarbeit, Freiwilligen-koordination, Verwaltung, Prokurist, Geschäftsführer und dergleichen finden dabei keine Berücksichtigung und sind somit nicht refinanziert. Therapiebedarfe werden dabei auch nicht berücksichtigt. Das betrifft sowohl Therapieräumlichkeiten als auch therapeutische Hilfsmittel.

Die Zuständigkeiten bei der Finanzierung des notwendigen Neubaus entsprechen oben beschriebener Vorgehensweise. Als besonderes Gimmick sieht der Bezirk Oberbayern eine Finanzierung des Anteils der HPT über eine Erhöhung des Tagessatzes mit einer Laufzeit von 50 Jahren vor.

Man kann sich vorstellen, welchen Schwierigkeiten wir aufgrund dieser Regelung begegnen. Es besteht die Notwendigkeit jetzt zu bauen. Wir werden jedoch den zu leistenden Betrag erst in 50 Jahren vollständig erhalten haben. Es ist die Rede von einem Betrag in Höhe von 10 – 12 Millionen EURO. Sie erkennen unschwer, in welchem Spannungsfeld sich Helfende Hände befindet.

Um also besondere Anschaffungen, Freizeitmaßnahmen, Therapieräume, therapeutische Hilfsmittel und die Vorfinanzierung des Neubaus decken zu können, sind wir auf die Großzügigkeit der Gesellschaft und einzelner Förderer angewiesen. Ebenso haben wir uns, insbesondere hinsichtlich der Realisierung unseres Neubauprojekts, an Banken (Finanzierungskonzept) und Stiftungen zu wenden.

Um hier aktiv und erfolgreich vorzugehen ist Fundraising und Öffentlichkeitsarbeit notwendig. Wie oben beschrieben ist die Stelle eines Fundraisers/Fundraiserin nicht refinanziert. Deshalb haben wir gewisse Risiken einzugehen und viel Engagement auf freiwilliger Ebene zu leisten.

Viele der beschriebenen Aufgaben übernehmen die acht Mitglieder des Vorstandes des Vereins, um die gGmbH zu unterstützen. Alle Vorstandsmitglieder sind selbst betroffene Eltern.

Unser Spendenkonto
Helfende Hände e.V.
IBAN: DE02 7002 0500 0007 8502 00
BIC: BFSWDE33MUE
Bank für Sozialwirtschaft

Herzlichen Dank, Nariman Zimpel. Wir von ExpertenTesten wünschen Ihnen und dem Helfende Hände e. V. weiterhin viel Erfolg!

Über die Redakteurin

Laura Hoffmann

Laura Hoffmann arbeitet als freie Redakteurin seit 2016 für expertentesten.de. Ihr Kernbereich liegt dabei in der Recherche spannender Interviewpartner aus den Ressorts Kultur, Sport und Wirtschaft.

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