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Verein der Schwerhörigen und Spätertaubten Karlsruhe e.V. – Unterstützung für Hörgeschädigte

Das Interview mit Stefan Heidland vom Verein der Schwerhörigen und Spätertaubten Karlsruhe e.V.

Bitte stellen Sie den ‘Verein der Schwerhörigen und Spätertaubten Karlsruhe e.V.’ kurz vor. Wann wurde er mit welchem Ziel gegründet? Wie groß ist der Verein mittlerweile?

Ein gutes Interview mit Stefan Heidland vom Verein der Schwerhörigen und Spätertaubten Karlsruhe e.V.Der VSSK wurde im Frühjahr 1990 gegründet mit dem Ziel, Schwerhörige und im Laufe des Lebens schwerhörig oder taub Gewordene (sog. Spätertaubte) mit Rat und Tat zur Seite zu stehen per Beratungsstelle, die Allgemeinheit aufmerksam zu machen auf die Gefahren der Lärmbelästigung und zu informieren: wie lassen sich Lärmbelästigungen und Lärmschäden verhindern bzw. reduzieren. Motto: Hilfe zur Selbsthilfe.
Wir sind nicht Mitglieder, weil wir gerne schwerhörig sind, sondern weil wir einer der häufigsten Behinderungen Geltung verschaffen wollen – z. B. wie geht man mit Schwerhörigen um? Was brauchen sie?
Momentan sind wir 90 Mitglieder, davon 7 Fördermitglieder.

Was sind die häufigsten Probleme und Fragestellungen, die Menschen mit Hörproblemen Ihnen übermitteln?

Unterstützung bei der Optimierung der Hör-Versorgung und deren Anpassungen (Widerspruchsverfahren und gerichtliche Auseinandersetzung mit den Kostenträgern bzw. Unterstützung im Dialog mit den Akustikern). Unter anderem auch Entscheidungshilfen für Cochlea Implantat. Des weiteren: Kommunikations – und Absehtraining und technische Beratung (Hörgerät, Telefon, Hörhilfen)..

Woran können Betroffene selbst oder Angehörige von Betroffenen erkennen, dass die Hörleistung abnimmt?

a) hört und versteht nicht alles
b) kann nicht mehr um die Ecke hören
c) Häufung der Missverständnisse und
d) stellt Radio und Fernseher zu laut ein

Vergleichstests zum Thema:

Hörgerät Test
Seniorenhandy Test
Lichtwecker Test
Freisprecheinrichtung Test
Glühweinkocher Test

Wie finanziert sich der Verein? Gibt es Unterstützung der Stadt Karlsruhe?

Zu einem kleinen Teil über die Mitgliedsbeiträge, die bei uns sehr gering sind. Ja, die Stadt Karlsruhe stellt uns feste Räume für die Geschäfts- und Beratungsstelle zur Verfügung gegen eine geringe Miete, die durch Zuschuss zusätzlich halbiert wird; außerdem bekommen wir einen festen Sachkostenzuschuss. Es kommt vor, dass durch Erbschaften sich die finanzielle Lage bessert.

Auf Ihrer Webseite schreiben Sie, eines Ihrer Hauptziele sei die Reduktion der Isolation Betroffener. Wie groß sehen Sie die Gefahr, dass Hörgeschädigte vereinsamen und was unternimmt Ihr Verein ganz konkret, um hier dagegen zusteuern?

Das Besondere bei uns im Karlsruher Schwerhörigenverein ist, dass fast alle Mitglieder ihrerseits enge soziale Bindungen haben mit Familie, Vereinen und Ehrenamt – also anderweitig engagiert sind. So hat es mit der Zeit Probleme gegeben, weil nicht genügend Teilnehmende zu unsere Veranstaltungen kamen. Vereinsamungen kommen bei uns im Verein kaum vor. So erfreulich diese Tatsache auch ist, es lohnt sich bei uns nicht mehr, großen Aufwand zu betreiben, soziale Veranstaltungen zu organisieren. Deswegen wird unser Veranstaltungsangebot reduziert auf die Mitgliederversammlung, 1-2 Ausflüge, sowie ein Sommerfest und eine Weihnachtsfeier. Hier steht das gesellige Miteinander in barrierearmer Kommunikation im Vordergrund.

Potentielle Mitglieder scheuen sich, in den Verein einzutreten, weil sie sich nicht verpflichtet fühlen möchten, die Veranstaltungen zu besuchen. Ich konnte sie trotzdem einwerben mit dem Argument: um politisch wirksam sein zu können, brauchen wir eine große Mitgliederzahl. Kleinkleckerlesvereine machen auf Entscheidungsträger keinen nachhaltigen Eindruck. Es ist dabei vielen nicht klar, dass etwa 15-20% der hochzivilisierten Welt hörbeeinträchtigt sind!

Was würden Sie sich für die Zukunft mit Blick auf die gesellschaftliche Wahrnehmung und Integration Hörgeschädigter wünschen? Was sind dabei die ganzen konkreten nächsten Zieles Ihres Vereins?

Es ist sehr zu wünschen, dass:

a) die Schwerhörigkeit nicht mehr stigmatisiert wird, sondern angenommen wird als eine Behinderung wie gehbehindert und blind. Eine Behinderung, die man vor Scham nicht verstecken muss. Die Werbung mit „winzigen und unsichtbaren“ Hörgeräten kommt mir so vor, wie Werbung für Porsche: „Ihre Nachbarn merken gar nicht, dass Sie einen Porsche fahren“! Hörgeräte und Porsches sind beides absolute High-Tech- Hochleistungsprodukte, die Respekt abnötigen!

b) Es gilt nicht als so „schick“ oder publicity-trächtig, sich für Hörbeeinträchtigte bzw. ihre Organisationen einzusetzen. In Karlsruhe ist es leider so, dass Einrichtungen und Schulen, die Schwerhörige fördern, mit den Kontakten mit dem Schwerhörigenverein sehr zurückhaltend sind. Selbst ein Spendenangebot unseres Schwerhörigenvereins wird nicht so gerne angenommen. So weit sind wir schon! Für sie ist der Gehörlosenverein irgendwie attraktiver, weil er wesentlich größer ist und das Gebärden Nicht-Hörgeschädigte mehr fasziniert – es ist einfach interessanter. Der Gehörlosenverein braucht nur einen Muckser zu tun, schon stehen in der lokalen Zeitung große Artikel darüber. Wir müssen regelrecht um Veröffentlichungen betteln – meist vergeblich.

c) Auch Schwerhörige haben das gleiche Recht, in Entscheidungsgremien (Gemeinderat, Kreis- Land- und Bundestag) mitzureden und –entscheiden. Oft werden sie, wenn sie hingewählt werden, gemobbt oder ihnen die Teilnahme verleidet. Es fallen Bemerkungen wie: „Sie halten die Sitzungen auf“, „Sie sollen ihre Energien und Fähigkeiten lieber in ihren Hörgeschädigten-Bereichen einsetzen“ usw. Diese Stigmatisierungen können nicht hingenommen werden!

Man stelle sich vor: wenn der Bundestagspräsident Schäuble damals durch das Attentat nicht im Rollstuhl gelandet wäre, sondern schwerhörig oder taub geworden wäre… ganz schnell wäre er weg vom Fenster.

Der frühere bayerische Ministerpräsident Beckstein war politisch schon längst im Abseits, als er Träger von zwei Cochlea-Implantaten wurde. Diese Fakten sollen zeigen: für Hörbeeinträchtigte MÜSSEN entsprechende technische Hilfen finanziert und eingerichtet werden! Diese technischen Hilfen (Schriftdolmetscher oder Konferenz-Tischmikrofonanlagen usw.) sind sehr teuer. Ja, Hörbeeinträchtigte zu inkludieren ist leider sehr teuer! Die Gremien scheuen sich vor den Kosten und lassen sie bei Sitzungen oft regelrecht „aushungern“. Man denke dabei an die Fabel: der Fuchs und der Storch. Stichwort: barrierefreie Kommunikation überall!

d) Die barrierefreie Kommunikation betrifft auch die Umgebung, in der die Gespräche zwischen Hörbeeinträchtigten und Nicht-Hörgeschädigten stattfinden. Wegen den meist zerstörten Haarzellen im Innenohr sind Hörbeeinträchtigte nicht in der Lage, Nutzschall vom Störschall zu trennen – sie sind oft sehr nebengeräuschempfindlich und haben es schwer, sich im Stimmengewirr einer Gesellschaft zurechtzufinden bzw. mit den Gesprächspartnern zu kommunizieren. Sie hören mehr Nebengeräusche als die Informationen der Kommunikationspartner. So ziehen sie sich mit der Zeit zurück und meiden diese

So wäre zu wünschen, dass bei der Einrichtung der Räume die Bedürfnisse der Hörbeeinträchtigten besser berücksichtigt werden – davon profitieren auch die Nicht-Hörgeschädigten.

e) Die oft so angesagte Inklusion erweist sich – bezogen auf Hörbeeinträchtigte – als sehr ex-klusiv! Eine führende städtische Sozialmanagerin bemerkt dazu gallig:
„…mit der technischen Lösung müssen wir uns als Stadt aus meiner Sicht bemühen. Es geht mir darum, dass Sie so gut wie möglich teilhaben können und da ist es eben notwendig, auch die passenden Hilfsmittel anzuschaffen. Sie investieren ihre Zeit, um sich zu engagieren und mein Part ist es, Sie darin, so gut ich kann, zu unterstützen.
Mir fällt es schwer, wenn sich Organisationen hinter Bürokratie oder Kosten verstecken und an anderen Stellen dann aber ach so offen und wohlwollend erscheinen wollen.”

Dem ist nichts hinzuzufügen! Diese genannten Missstände abzubauen bzw. namhaft zu machen, das sind unsere konkreten Ziele. Hier steht das Miteinander in barrierearmer Kommunikation im Vordergrund.

Im Rahmen unseres Dialoges vorab haben sich durchblicken lassen, dass für die meisten Hörgeschädigten bei der Wahl des richtigen Hörgeräts auf Funktionalität zugunsten der Unscheinbarkeit des Geräts verzichtet wird. Könnten Sie uns technisch-medizinisch kurz erklären: Können unscheinbare, sehr kleine Hörgeräte überhaupt bestmöglich funktionieren? Wie hoch schätzen Sie den Anteil an Menschen, die aus ästhetischen Gründen ein Hörgerät im Einsatz haben, welches für sie – rein funktional betrachtet – suboptimal ist?

Generell: Miniaturisierungen führen zu Einschränkungen. Trotz aller High-Tech haben größere Hörgeräte größere Lautsprecher und Mikrofone mit mehr Klangfülle bzw. Aufnahmeempfindlichkeit. Größere Hörgeräte haben auch größere und wesentlich langlebigere Batterien. Eine kleine 13er Batterie hält maximal 1 Woche, die größte (675er) hält 4-6 Wochen.

Die Handhabung beim Batterietausch ist beim 675er wesentlich komfortabler – bei klammen alten Fingern sind die 13, 12 und 10er oder gar die winzigen 312er Batterien eine Tortur, da sie kleiner als Hemdknöpfe sind und umso quälender, weil sie wegen kürzerer Lebensdauer häufiger ausgetauscht werden müssen – ein teuer bezahltes Prestigedenken. Außerdem haben größere Hörgeräte mehr Platz für die optimale Einrichtung der Induktionsspulen! Es werden in dieser Zeit immer mehr Induktionsanlagen in öffentlichen Sälen und Kirchen verlegt.

Welche Möglichkeiten haben Sponsoren, Sympathisanten, Betroffene sowie Angehörige von Hörgeschädigten Ihren Verein zu unterstützen?

Sie könnten ein noch einzurichtendes Fond unterstützen, die die technischen Ausstattungen für ehrenamtlich Hörbeeinträchtigte finanzieren bzw. bezuschussen. Nach dem neuen Bundsteilhabegesetz sind Kostenträger in den Kommunen und Ländern verpflichtet, ehrenamtlich Tätige in Gremien durch Finanzierung von entsprechenden Höranlagen zu unterstützen. Behindertenbeauftragte der Kommunen und Länder wissen bescheid, aber es wird kaum darüber kommuniziert – auch eine Form der Benachteiligung. Denkbar wäre auch massive Werbeaktionen, die die massiven gesellschaftlichen Stigmatisierungen entgegenwirken. Man denke an die Brillen. In meiner Jugend galt man als Brillenschlange – es war nicht schickt, Brillen zu tragen! Und heute … sind Brillen echte Modeaccessoirs – viele tragen Brillen mit Fenstergläsern!

Herzlichen Dank, Stefan Heidland. Wir von ExpertenTesten wünschen Ihnen und dem Verein der Schwerhörigen und Spätertaubten Karlsruhe e.V. weiterhin viel Erfolg!

Über die Redakteurin

Laura Hoffmann

Laura Hoffmann arbeitet als freie Redakteurin seit 2016 für expertentesten.de. Ihr Kernbereich liegt dabei in der Recherche spannender Interviewpartner aus den Ressorts Kultur, Sport und Wirtschaft.

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